Wie Schule Lernstörungen fördert

Claudia RehderAllgemein

Will man Lernstörungen und Teilleistungsstörungen wie der Lese-Rechtschreibschwäche oder auch der Rechenschwäche – so weit es eben möglich ist – auf den Grund gehen, so muss man sich zuerst mit dem Lernen selbst befassen.

Kleine Kinder haben erfahrungsgemäß viel Spaß beim Entdecken der Welt und damit auch beim Lernen. Sie sind begeisterungsfähig, unglaublich offen, probieren alles aus, haben große Lust aufs Lernen und eine Menge Spaß dabei.

Lernen, so sagt der bekannte Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, ist immer individuell. Jeder Mensch bewertet rein subjektiv, ob etwas sein Interesse weckt und ob etwas bedeutsam für ihn ist. Nur etwas, was für ihn eine Bedeutung hat und ihm unter die Haut geht und somit emotional aufgeladen ist, kann gelernt und dauerhaft im Gehirn verankert werden.

Mit Begeisterung spielen

Dies ist ein Grund, warum kleine Kinder beim (freien) Spielen so unglaublich viel lernen. Spielen löst positive Gefühle aus. Die Kinder beschäftigen sich dabei lustvoll mit den Dingen, die ihr individuelles Interesse wecken, ganz wie sie wollen und auch wie lange. Lernen und Wissen sind also an Emotionen geknüpft, bestenfalls an positive. Jedoch lernen wir natürlich auch Dinge, die mit negativen Emotionen und Erfahrungen verknüpft sind. Wenn wir einmal auf eine heiße Herdplatte gefasst, den damit verbundenen Schmerz empfunden und anschließend geweint haben, lernen wir daraus. In Zukunft werden wir bei heißen Herdplatten Vorsicht walten lassen. Wir werden also versuchen, diese negative Erfahrung zu vermeiden, während wir gute Erfahrungen gerne wiederholen möchten.

Gute und beglückende Erfahrungen beim Lernen machen häufig kleine Kinder. Wann immer sie sich etwas Neues aneignen, werden sie ausgiebig gelobt und erfahren somit positive Emotionen. Aber auch ohne Lob von außen, haben sie viele kleine Erfolgserlebnisse, z. B. wenn nach etlichen Versuchen die Puppe endlich das Kleidchen anhat oder der Turm aus Bauklötzen tatsächlich stehen bleibt. Kommen Kinder dann in die Schule, setzen sich sicher bei manchen die positiven Lernerfahrungen fort. Andere hingegen machen eher negative Erfahrungen und haben erste Frusterlebnisse.

Was verhindert den Lernerfolg?

Lernerfolg ist natürlich stets von mehreren Faktoren abhängig. Ein Faktor ist sicher, dass in der Schule zu wenig die echte, spielerische Lust und Begeisterung in Bezug auf den Lernstoff geweckt wird. Wenn es uns als Lehrerinnen und Lehrern gelingt, die Kinder wirklich zu motivieren und das Feuer der Begeisterung in ihnen zu entzünden oder wenigstens eine gute, fröhliche Lernatmosphäre zu schaffen, dann sind dies beste Grundvoraussetzungen dafür, dass nachhaltiges Lernen stattfindet.

Oft wird aber genau darauf, im Stress des Schulalltags kein Schwerpunkt gelegt. Vielmehr werden Lehrerinnen und Lehrer – in der Regel unbewusst – zu Verursachern von wenig hilfreichen Glaubenssätzen. Wenn ein Kind den Deutschlehrer fragt, ob es seine selbstverfasstes Geschichte mal mitbringen darf und dann hört: “Aber nicht mit dieser Rechtschreibung!”, wird entmutigt. Ebenso ein Kind, das von seiner Musiklehrerin hört: “Deine Stimme klingt wie eine verstimmte Geige. Setz dich mal wieder hin!” Diese Bemerkungen waren vielleicht ernst gemeint oder aber einfach nur flapsig daher gesagt. Aber die betroffenen Kinder begleiten sie oft ein Leben lang. In ihnen bleibt hängen, dass sie eben nicht schreiben bzw. singen können. Das frustriert nicht nur, sondern dadurch wird auch jegliches Potenzial bereits im Keim erstickt .

Frust verhindert Lernlust

Frust verhindert Lernlust

Ein anderer Grund, warum manche Kinder Lernerfolge haben und andere Lernfrust erleben oder sogar Lernstörungen entwickeln, ist die Tatsache, dass Kinder zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten wirklich schulreif werden.

Kürzlich habe ich ein hoch interessantes Interview mit Sabine Omarov geführt, die in ihrer Praxis Kindern und Erwachsenen hilft, ihre Lernstörungen zu überwinden und wieder Freude am Lernen zu entwickeln. Von ihr erfuhr ich, dass Kinder, so hat man festgestellt,  zwischen dem vierten und zehnten Lebensjahr schulreif werden. Schulreif bedeutet dabei auch, dass Kinder von ihrer (Gehirn-)Entwicklung her bereit und fähig sind, aus der Welt der konkreten, begreifbaren Gegenstände in die Welt der abstrakten Zahlen und Buchstaben einzutreten. Da jedoch das Schuleintrittsalter nicht individuell, sondern auf das Alter von sechs Jahren festgelegt ist, kommen demnach auch schulunreife Kinder in die Schule. Diese Kinder können vielleicht aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten beispielsweise noch gar keine Buchstaben mit Lauten verknüpfen oder ihre visuelle Wahrnehmungsverarbeitung ist noch nicht entwickelt.

Dass das fatale Folgen für diese Kinder hat und dann Frusterlebnisse vorprogrammiert sind, ist nicht verwunderlich. Das Lernen wird in solchen Fällen geradezu zwangsläufig mit negativen Emotionen verknüpft. Tragisch ist, dass dies dann auch oft den Boden für die Entwicklung von unterschiedlichsten Lernstörungen bereitet.

Der Teufelkreis Lernstörungen

Über diesen Teufelkreis Lernstörungen erzählt Sabine Omarov ausführlich in dem Interview, das ich mit ihr als Expertin für meine Online Plattform TeachersUp geführt habe. Dieses Thema begegnet wirklich jedem Lehrer, unabhängig vom Fach. Da ich selbst jahrelang LRS-Beauftragte an meiner Schule war und es mir daher sehr am Herzen liegt, stelle ich dieses Experteninterview ausnahmsweise auch außerhalb von TeachersUp auf meinem YouTube-Kanal zur Verfügung. Hier kommst du direkt zum Video.

Solltest du dich darüber hinaus für das Thema „Lernstörungen“ und den Umgang damit interessieren, dann empfehle ich dir sehr gerne den LRS-Online-Kongress, den Sabine Omarow vom 15. bis 29. März 2019 bereits zum zweiten Mal veranstaltet. Wie der Name schon sagt, findet der Kongress online statt. Du kannst dir also die Interviews, Vorträge und Workshops zu den verschiedenen Themen bequem von zu Hause am Computer anschauen.

Hier findest du alle Informationen zu diesem lohnenswerten Kongress. Unter dem Punkt „Inhalt“ kannst du sehen, welche Vorträge bislang geplant sind. Einer von mir ist übrigens auch dabei 😉