Funktionieren Sie nach dem Piepston – Gedanken zum Referendariat

Claudia RehderAllgemein

Wer bei uns in Deutschland Lehrer*in werden möchte, muss nach dem Studium das sogenannte Referendariat absolvieren, an dessen Ende das 2. Staatsexamen steht. Über das Referendariat gibt es viele unterschiedliche Geschichten, die so verschieden sind, wie die Leute, die sie erzählen. Bedauerlicherweise scheinen jedoch Geschichten der Kategorie „Horror“ zu überwiegen. Es erschreckt mich immer wieder, wie negativ die Ausbildungssituation in unserem Beruf empfunden wird. Wenn ich mit jungen Lehrer*innen spreche, berichten sie von enormem Druck, viel Stress, Angst, Panik, Mobbing, Verzweiflung, Aufgeben und sogar Selbstmordfällen. Natürlich gibt es auch positive Berichte über das Referendariat. Aber je mehr ich mich mit diesem Thema befasse, desto stärker habe ich den Eindruck, dass sich in den letzten 20 Jahren nichts Grundlegendes geändert hat und die schlimmen Geschichten überwiegen.

Ich habe einen Traum von Wertschätzung im Referendariat.

Referendarinnen und Referendare werden nach wie vor nach dem Studium ohne adäquate Vorbereitung bei gleichzeitig hoher Erwartungshaltung vonseiten der Ausbildungsverantwortlichen ins kalte Wasser des Schulalltags geworfen. Es erstaunt mich immer wieder, wie früh bereits eigener Unterricht und vor allem die ersten Unterrichtsbesuche anstehen.
Das ist in etwa so, als würde man einem Bäckerlehrling sofort am Anfang des ersten Lehrjahres den Auftrag erteilen: “Backe eine Schwarzwälder Kirschtorte”. Vielleicht wüsste er bereits, dass er dazu Mehl und Zucker und etwas Backpulver braucht. Und außerdem kann er sich, weil er sie selbst schon häufiger gegessen hat, daran erinnern, dass zu dieser Torte auch Sauerkirschen und Schokoladenraspeln gehören.
Jedoch hat ihm bislang niemand eine konkrete Zutatenliste gegeben oder die einzelnen Arbeitsschritte beigebracht. Er traut sich nicht, um Hilfe zu bitten, weil er Angst hat, dies könnte sich negativ auf seine spätere Beurteilung auswirken und wenn er sich vielleicht doch traut, seine erfahreneren Kollegen zu fragen, haben die meistens keine Zeit.
Also sucht sich unser Bäckerlehrling mühsam alles selbst zusammen. Er kauft sich Bücher, besorgt sich nach und nach die Zutaten und versucht schließlich, daraus die Torte zu erstellen.
Da er jedoch nie gelernt hat, wie man beispielsweise richtig Eier trennt, Eischnee schlägt, einen Biskuitboden herstellt und diesen mit einem Küchengarn zweimal waagerecht teilt, unterlaufen ihm viele Fehler.
Und als sein Meister die fertige Torte schließlich begutachtet, hagelt es harsche Kritik.

Viele verzweifeln im Referendariat

Ist es da ein Wunder, dass unser Bäckerlehrling an sich selbst und seinen Fähigkeiten zweifelt? Er war doch eigentlich hochmotiviert, das Bäckerhandwerk zu erlernen und ein richtig guter Bäcker zu werden. Doch nun sind Freude und Motivation wie weggeblasen und ihm kommen die Tränen. Als er daran denkt, dass sein Meister schon in zwei Wochen eine Schichten-Kaffeetorte von ihm sehen will, wird seine Verzweiflung zu Panik. Am liebsten würde er die Lehre hier und jetzt hinschmeißen.

Mal ehrlich: Ist eine solche Art der Ausbildung nicht absurd?

Sollte man in einer Ausbildung nicht alles von Grund auf lernen und sich das Handwerkszeug und die notwendigen Techniken erarbeiten können? Wäre es nicht vorteilhaft, wenn man in einer Ausbildung unbehelligt und ohne Angst Fragen stellen dürfte? Sollte eine Ausbildung nicht die Möglichkeit eröffnen, sich auszuprobieren, das Gelernte zu üben und in die Praxis umzusetzen, ohne dass gleich eine Bewertung erfolgt? Ist es nicht eigentlich selbstverständlich, dass Auszubildenden jegliche Art von Hilfe und Unterstützung zuteil wird, die notwendig ist? Sollten in einer Ausbildung nicht gegenseitige Wertschätzung und Respekt an oberster Stelle stehen?

Lehrer*innen arbeiten mit und für Menschen, genauer gesagt mit dem Wertvollsten, was wir haben, mit unseren Kindern, die die Zukunft unseres Landes sind. Sollte es daher nicht an oberster Stelle stehen, dass wir diese jungen und motivierten Lehrerinnen und Lehrer, die sich auf diesen wichtigen und wunderbaren Beruf einlassen und ihn mit Freude ausüben wollen, tatkräftig dabei unterstützen, so richtig gut zu werden? Sollten wir sie nicht von den Besten lernen lassen und sie von Anfang an stark machen? Sollten wir ihnen nicht unbedingt die Möglichkeit geben, ihre (Lehrer-)Persönlichkeit zu entwickeln und in ihrer Lehrerrolle anzukommen? Sollten wir ihnen nicht beibringen, wie man wertschätzend mit Kindern und Jugendlichen arbeitet und professionell mit Schwierigkeiten und problematischen Schülern, Klassen und Elternhäusern umgeht? Sollten wir ihnen nicht zeigen, wie man sich gut organisiert, wie man mit Stress umgehen und mit den eigenen Kräften haushalten kann?

Sollte eine gute Ausbildung nicht all das und mehr beinhalten, damit junge Lehrer*innen endlich optimal auf den Schulalltag vorbereitet sind und nicht an seinen Anforderungen kaputt gehen?

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